Das Innen erfährt sich am Außen

11. April 2011: François Isak Smit führte für CAN | Culture & Arts Network ein Gespräch mit dem in Berlin lebenden Künstler Kai Weller.

Herr Weller, Sie malen Motive aus dem Zoo, Sie zeigen leere Käfige. Man kennt diese Arrangements aus Ästen und Bäumen, die so aussehen sollen, als wären sie Natur. Was bedeutet für Sie der Zoo?

Man geht in den Zoo, um sich auf sehr begrenzten Bühnen Stellvertreter für die unbegrenzte Natur vorführen zu lassen. Der Käfig ist eine Hülle für einen Raum, in dem sich die Symbole für eine imaginierte äußere Welt befinden. Ich denke, es geht da um „Innen“ und „Außen“. Im Zoo kommen Innen und Außen in vielfältiger Weise in Austausch. Das ist ein Thema, das mir sehr entgegenkommt. Und es ist ja auch ein gutes Bild für unser Seelenleben: Unser Kopf ist auch so etwas wie ein Raum, in dem sich Symbole für die Welt draußen bilden. Und wir gebrauchen räumliche Vorstellungen, um unser inneres, subjektives Seelenleben zu beschreiben. Etwa: tief betrübt oder hocherfreut. Und umgekehrt: Unsere inneren Bewegungen können wir überhaupt nur an Objekten außerhalb von uns erfahren, man denke etwa an die innere Geschichte, die ein Sonnen-untergang erzählt.

Was meinen Sie damit, dass Ihnen das Thema „Innen“ und „Außen“ entgegen-kommt?

Ich erlebe es als verunsichernd, als „Innen“ einem „Außen“ gegenüber-zustehen und zu erfahren, dass zwischen mir als Subjekt und den mir entgegentretenden Objekten augen-scheinlich ein nicht zu entflechtendes Spiegelgewirr besteht. Ich glaube, das ist in meiner Generation, in der viele auf die eine oder andere Art eine konstruktivistische Welterfahrung haben, eine weit verbreitete Unsicherheit. Wie kann ich unterscheiden, ob etwas meine Projektion in die Dinge ist oder wirklich zum Ding gehört?

Ist die Auseinandersetzung mit dem Zoo auch eine moralische?

Nein, ich denke, das kann und sollte Kunst auch gar nicht machen. Kunst kann Bewusstheit steigern, aber sich nicht moralisch für einen bestimmten Inhalt des Bewusstseins entscheiden. Kunst kann nur aufzeigen, was ist. Eventuell kann dadurch auch etwas Moralisches entstehen. Wenn mir im Zoo etwa bewusst wird, dass das, was ich da erfahre, gar nichts mit den Tieren zu tun hat, sondern meine Innere Bewegung ist, kann das unter Umständen den Blick darauf frei machen, was die Bedürfnisse der Tiere sind. Mich interessiert der Zoo aber zuerst als Kulturproduktion: Was machen wir da mit „Zoo“? Welchen Sinn hat der Zoo für unser Seelenleben?

Da ist zuallererst diese merkwürdige Ambivalenz, die der Zoo von vornherein hat. Es geht um Wildnis, zugleich aber auch darum, diese Wildnis zu präsentieren. Das ist sehr „unwild“. Natürlich sind die Käfige grässlich. Aber da ist auch sehr viel, was befriedigen kann. Man begegnet inneren archaischen Bildern, ohne dass es außer Kontrolle gerät. Käfige, die so tun, als seien sie Natur, können „schön“ sein. Der Käfig kann etwas Geborgenes haben. Aber man muss aufpassen. Wenn die Maschen zu eng werden, droht man zu platzen oder sehr müde zu werden, wie es einigen Raubkatzen im Zoo zu gehen scheint.

In Ihren älteren Bildern haben Sie Räume gemalt. Sehr nüchterne Szenen, die mindestens im gleichen Maß abstrakte Kompositionen wie räumlich-illusionäre Darstellungen sind. Diese Bilder haben nicht zum Träumen eingeladen. In den Zooräumen werden sie poetischer und man kann nun träumen…

Bei den alten Bildern ist es eigentlich auch schon um „Innen“ und „Außen“ gegangen. Ich stelle eine räumliche Situation vor, in die sich der Betrachter hineinimaginieren kann. Aber dann stimmt da etwas nicht in der Darstellung. Das Bild kippt in die Zweidimensionalität. Dadurch kann der Betrachter nicht mehr im Außen, also im Bild, verweilen, er wird auf sich selber zurückgeworfen. Das ist ja die Brecht’sche Strategie. Bei den leeren Käfigen ist das anders herum; der Betrachter muss selber in den Raum gehen, in dem sich für gewöhnlich die Identitätsfigur, das Tier, befindet. Beides führt zu einer Bewegung zwischen Innen und Außen.

Seit einiger Zeit malen Sie zusätzlich zu den Zooräumen in naturalistischer Manier alltägliche Objekte, zum Beispiel eine Shampooflasche. Das erscheint mir ein vollkommen neues Thema zu sein.

Nein, das denke ich nicht. Ich denke, die „Objekte“ sind wieder nur eine neue Umkehrung des gleichen Themas. Auch wenn ich bei den Zooräumen viel mit Fotos arbeite, entstehen die Szenen, die ich dann letztendlich male, doch in meinem Kopf, sie sind meine Fantasien. Das heißt, die Zooräume sind für mich zuallererst „innere“ Räume. Dahinter steht die Frage: Was für Räume habe ich in mir und wie ist meine Vorstellung für die Anordnung der Symbole für die äußere Welt in diesen Räumen. Mit den Objekten ist es genau anders herum. Ich stelle ein banales, alltägliches Objekt vor mich, eine Shampoo- oder Spüliflasche. Und dann schaue ich, was in meinem Inneren passiert.

Ich glaube, fast alle Objekte sind in der Lage, in uns für etwas zu stehen und etwas Bedeutsames in uns auszulösen. Oder anders ausgedrückt: Seelisches kann gar nicht anders, als Bedeutung zu produzieren, und das tut es anhand von Objekten. Je banaler das Objekt ist, desto stärker treten die Produktionsmechanis-men des Seelischen selbst in den Blick. Ich erfahre mein Innen am Außen.

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